Wir und unsere Mikroben


 

Der menschliche Darm beherbergt ein komplexes mikrobielles Ökosystem, Mikrobiota genannt, das nicht nur aus Bakterien besteht, sondern vielmehr auch Hefen, Pilze und Viren umfasst. Mit Hilfe moderner Technologien lässt sich das genetische Material dieser Mikroorgansimen in Stuhlproben enträtseln. Auf diese Weise wird klar, dass jeder Mensch seine ihm eigene Mikrobiota hat. Sie ist so einzigartig wie etwa ein Fingerabdruck. Darüber hinaus durchlaufen die Zusammensetzung und Funktion der Mikrobiota im Laufe eines Lebens dynamische Veränderungen: Neugeborene haben eine andere Mikrobiota als Erwachsene und die Mikrobiota von jungen Erwachsenen unterscheidet sich wiederum von der Mikrobiota älterer Menschen. Diese hohe Variabilität macht es äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich, zu definieren, wie eine gesunde Mikrobiota eigentlich aussieht.

 

Laufende Forschungsarbeiten zielen darauf ab, besser zu verstehen, was eine „normale“ Veränderung ist, welche Faktoren zu Veränderungen beitragen und ab wann sie die Mikrobiota erheblich stören. Prof. Cisca Wijmenga von der Universität Groningen (Niederlande) stellte beim International Yakult Symposium aktuelle Daten des Lifelines Projekts vor. Im Norden der Niederlande wurden Informationen zu Zusammensetzung der Mikrobiota, Blutparametern, Lebensstil, Essgewohnheiten und Gesundheitszustand von ca. 10 % der Gesamtbevölkerung erhoben und in einer großen Biobank mit dem Namen Lifelines zusammengetragen. Die Analyse dieser großen Datenmenge deutete darauf hin, dass die Ernährungsfaktoren eindeutig wichtiger sind als genetische Charakteristika des Wirts. Besonders wenn es darum geht, die Unterschiede in der Zusammensetzung der Mikrobiota zu erklären.

 

Die Bedeutung der Mikrobiota bei Erkrankungen und Stress

 

Die Darmmikrobiota hat nicht nur Auswirkungen auf unsere lokale Darmgesundheit, sondern auch auf entferntere Organe. Die Kommunikation der Mikrobiota mit anderen Organen kann über die Produktion von bioaktiven Stoffwechselprodukten erfolgen. Innerhalb des Darms produzieren die Bakterien zahlreiche Stoffwechselprodukte, die den Wirt beeinflussen können. Kurzkettige Fettsäuren, das Hauptendprodukt der Ballaststoffzersetzung im Dickdarm, spielen in diesem Zusammenhang eine Schlüsselrolle. Sie stimulieren bestimmte Rezeptoren auf der Oberfläche der Darmzellen. Im Ergebnis dieser Interaktion sondern die Zellen Hormone in den Blutkreislauf ab. Erreichen diese Hormone Gehirn, Leber, Fettgewebe und Bauchspeicheldrüse, können sie zum Beispiel das Hungergefühl, die Fettmasse und somit auch das Körpergewicht reduzieren. Ein weiterer Teil der kurzkettigen Fettsäuren gelangt über den Blutkreislauf auch in andere Organe, selbst bis ins Gehirn und kann dort direkt mit unseren Nervenzellen interagieren.

Beispiel einer Untersuchung:

 

Lactobacillus casei Shirota reduziert Stressmarker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lactobacillus casei Shirota verringert stressbedingte physische Symptome bei Studenten während der 8-wöchigen Intervention. © Yakult

 

Die Interaktion zwischen dem Darm, der Darmmikrobiota und dem Gehirn ist für viele sicher wenig offensichtlich. Nichtsdestotrotz kennen wir alle das Unwohlsein im Bauch, begleitet von Übelkeit oder Durchfall, wenn wir gestresst sind, ebenso die Schmetterlinge im Bauch, die uns zeigen, dass wir verliebt sind. Das lässt darauf schließen, dass Darm und Gehirn miteinander kommunizieren. So, wie die Empfindungen vom Gehirn zum Bauch geleitet werden können, wird unser Gehirn auch maßgeblich durch unseren Darm und unsere Darmkeime beeinflusst. Ob sich Stresssymptome über die Darmmikrobiota behandeln lassen, untersuchte eine Interventionsstudie einer japanischen Forschungsgruppe in Tokyo. Medizinstudenten, die vor einer wichtigen landesweiten Prüfung standen, dienten als gestresste Versuchsgruppe. Sie erhielten über acht Wochen vor der geplanten Prüfung entweder Lactobacillus casei Shirota oder ein Placebo. Die subjektiven Gefühle von Anspannung innerhalb der Placebogruppe, gemessen anhand eines Fragebogens, wichen von denen innerhalb der Probiotikagruppe nicht ab. Die Probiotika-Gabe führte jedoch zu einer erheblichen Reduzierung der objektiven Stressmarker am Tag vor der Prüfung. Darüber hinaus hemmte das Probiotikum das Auftreten von stressbedingten abdominalen Symptomen.

 

Dies ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie das Gehirn durch Darmbakterien und ihre Stoffwechselprodukte beeinflusst wird. Es gibt heute schon Darmpräparate, die bei Migränepatienten oder Burn-out, Depressionen und Angsterkrankungen wirksam sein sollen.

 

Auch hier gilt wieder: eine gesunde Lebensweise mit abwechslungsreicher, Vitamin- und Ballaststoffreicher Ernährung, achtsames Essen in Ruhe, damit die Nahrung nicht halbgekaut in den Magen gelangt und durch den Genuss des bewussten Wahrnehmens ausreichend Verdauungssäfte in Vorbereitung der Nahrungsverwertung gebildet werden (nach dem Motto: „Mir läuft das Wasser im Munde zusammen!“) bildet die Grundlandlage für die Darmgesundheit und damit für die Gesundheit Ihres Körpers und Ihrer Seele.