Die Nationale Verzehrstudie II (NVS II)

(zusammengefasst und interpretiert von Uwe Gröber und Prof. Dr. med. Klaus Kistner, herausgegeben in: Der niedergelassene Arzt 09/2018) mit eigenen Ergänzungen

In unserer Konsumgesellschaft klafft zwischen einer gesunden, kalorienrestriktiven und mikronährstoffreichen Ernährung in der Theorie und dem tatsächlichen Ernährungsverhalten eine sehr große Lücke. Das wird durch die aktuellen Ergebnisse der Nationalen Verzehrstudie II (NVS II) aus dem Jahr 2008 unterstrichen. Die bundesweite Befragung zur Ernährung von 15.371 Jugendlichen und Erwachsenen, die im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz durchgeführt wurde. (www. was esse ich.de)

 

Die Ergebnisse der NVS II zur Vitamin- und Mineralstoffversorgung der Deutschen sind alarmierend. Bezogen auf die Empfehlungen der täglichen Vitamin- und Mineralstoffzufuhr der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) erreichen viele Deutsche nicht einmal die Mindestzufuhrmengen, die für die Prävention von Krankheiten bei Gesunden erforderlich sind. Hier die Ergebnisse der Studie (einer Studie im Auftrag des Bundesministeriums!! – Trotzdem reagiert niemand !?!) 


Vitamine

 

Vitamin D

 

91 Prozent der Frauen und 82 Prozent der Männer sind nicht ausreichend mit Vitamin D versorgt.

 

Mein Erfahrungswert ist, dass die meisten meiner Patienten zum Erhalt eines wirksamen Vitamin D Spiegels täglich ca. 2000 IE Vitamin D einnehmen müssen. Mit dieser Dosis kommt man nicht in toxische (gesundheitsgefährdende) Bereiche. Trotzdem halte ich es für sinnvoll, den Vitamin D Spiegel zu bestimmen und die Dosis an den tatsächlichen Bedarf anzupassen.

 

 

 

Folsäure

 

86 Prozent der Frauen und 79 Prozent der Männer sind in Deutschland nicht ausreichend mit Folsäure versorgt. Die Empfehlung der DGE lautet 400µg/ Tag über die Ernährung aufzunehmen.

 

 

 

Vitamin B12

 

13 Prozent der Frauen im Alter von 14 – 24 Jahren sind nicht ausreichend mit Vitamin B12 versorgt. Die DGE empfiehlt hier gesunden Erwachsenen die Aufnahme von 3-5µg Vitamin B12 pro Tag. Frauen, die schwanger werden möchten, werden 400 – 800 µg Folsäure und 10-50µg Vitamin B12 pro Tag empfohlen. Auch ältere Menschen über 60 sollten wenigstens 100-200 µg Vitamin B12 aufnehmen. Wenn man dazu dann sieht, wie wenig Fleisch ältere Menschen teilweise essen und dazu bedenkt, das Vitamin B12 nur über tierisches Eiweiß aufgenommen werden kann, dann wird es schwer mit einer ausreichenden Versorgung über eine ausgewogene Ernährung. Zusätzlich gibt es zahlreiche Medikamente (z.B. die viel genutzten Säureblocker oder auch Zuckertabletten und die Antibabypille, die im menschlichen Körper als Mikronährstoffräuber und hier vor allem als Vitamin B12-Räuber wirken). 

 

 

 

Vitamin C

 

32 Prozent der Männer und 29 Prozent der Frauen sind nicht ausreichend mit Vitamin C versorgt. Die DGE empfiehlt täglich 100 mg Vitamin C einzunehmen (in wissenschaftlichen Studien wurde bereits 1996 gezeigt, dass ein schlagkräftiges Immunsystem bei einem gesunden Menschen täglich mindestens 200 mg Vitamin C benötigt).

 

 

 

Vitamin E

 

48 Prozent der Männer und 49 Prozent der Frauen decken ihren täglichen Vitamin E Bedarf nicht ausreichend. Die Empfehlung der DGE beläuft sich hier auf 22-25 IE/Tag. Auch hier muss klar gesagt werden, die Empfehlungen der DGE gelten für gesunde, normal belastete Menschen. Wer ist das schon Tag für Tag in unserer Gesellschaft?

 

 

 

Insgesamt sind 20-50 Prozent der deutschen Bevölkerung zwischen 14 und 80 Jahren nach den Ergebnissen dieser Studie unzureichend versorgt mit Vitamin B1, B2, B12, C und E.

 

 

 

Und diese Studie umfasst nur die Auswertung der Ernährungsgewohnheiten der Menschen und den daraus berechneten Vitamin- und Mineralstoffaufnahmen ausgehend von dem Vitamingehalt in frisch geerntetem Obst und Gemüse. Dem erhöhten Bedarf an diesen Stoffen bei Menschen mit Krankheiten, ungünstigem Lebenswandel und Stress wird hierbei keine Bedeutung geschenkt, ebenso wenig dem verminderten Vitamin- und Nährstoffgehalt in unserem Obst- und Gemüse durch vorzeitige Ernte, lange Transport- und Lagerungszeiten und teilweisem Anbau auf ausgelaugten Böden!

 

 

 

Mineralstoffe

 

Auch die Mineralstoffversorgung ist nicht unbedingt optimal. Insbesondere bei der Versorgung mit Magnesium, Calcium, Jod und Eisen sollten wir genauer hinschauen.

 

 

 

Calcium

 

46 Prozent der Männer und 55 Prozent der Frauen sind nicht ausreichend mit Calcium versorgt. Unter den weiblichen Jugendlichen im Alter von 14-18 Jahre sind es sogar 74 Prozent. Calcium sollte man niemals allein betrachten, sondern immer im Zusammenhang mit Vitamin D und Magnesium.

 

 

 

Magnesium

 

26 Prozent der Männer und 29 Prozent der Frauen sind nicht ausreichend mit Magnesium versorgt. Unter den weiblichen Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren sind es sogar 56 Prozent.

 

 

 

Eisen

 

14 Prozent der Männer und 58 Prozent der Frauen sind unzureichend mit Eisen versorgt.

 

 

 

Jod

 

Ohne die Versorgung mit jodiertem Speisesalz wären 96 Prozent der Männer und 97 Prozent der Frauen nicht ausreichend mit Jod versorgt. Aber auch unter Verwendung von jodiertem Speisesalz sind immer noch 28 Prozent der Männer und 53 Prozent der Frauen mit Jod unterversorgt.

 

 

 

Wenn man diese Ergebnisse interpretieren möchte, muss man berücksichtigen, dass die Empfehlungen zur Mikronährstoffversorgung der deutschen Gesellschaft für Ernährung sich nur auf gesunde Personen beziehen.

 

Risikogruppen, die einen erhöhten Bedarf an Vitaminen und anderen Mikronährstoffen auf Grund vielfältiger Faktoren haben, wie z.B. Krankheit, Medikation, Stress, Verdauungs- und Stoffwechselstörungen, werden in den Referenzwerten für die Nährstoffzufuhr von der DGE nicht berücksichtigt. Das bedeutet, ein Großteil der Bevölkerung wird auf Grund von persönlichen Lebensstilfaktoren von der NAS II und der DGE gar nicht erfasst.

 

Die praktische Arbeit mit Patienten unter Einbeziehung von medizinischen Labor-Kontrollen belegt immer wieder, dass die so genannte gesunde Ernährung für einen Kranken meist nicht ausreicht, um den persönlichen Bedarf an Vitaminen und anderen Mikronährstoffen zu decken, insbesondere nicht bei Diabetikern, Krebspatienten und Patienten mit Magen-Darm-Erkrankungen. Auch die Einnahme von Arzneimitteln kann langfristig erhebliche Störungen im Mikronährstoffhaushalt auslösen.  (siehe untenstehende Tabelle)

 

 

 

Obwohl es in der wissenschaftlichen Literatur eine Vielzahl von Hinweisen dafür gibt, dass eine unzureichende Versorgung mit Mikronährstoffen einen bedeutsamen Risikofaktor bei der Entstehung von chronischen Erkrankungen darstellt, wird in Deutschland das darin schlummernde präventive Potential bislang nicht ausreichend ausgeschöpft.

 

Die Anreicherungen von Bonbons mit Vitamin C oder von Fruchtzwergen mit Vitamin D stellen mit Sicherheit keine geeigneten Maßnahmen dar, die Mikronährstoffversorgung in der Bevölkerung zu verbessern. Man stellt sich zudem die Frage, warum die seit Jahren vorliegenden Studienergebnisse zu keinem größeren Ergebnis geführt haben, als zu dem Ratschlag: „5 Portionen Obst und Gemüse am Tag“ zu verzehren. Die starke Zunahme ernährungsbedingter Erkrankungen in den letzten 10 Jahren zeigt doch, dass der Anteil derjenigen, die solche Ratschläge konsequent befolgen relativ gering ist. Darüber hinaus birgt die Fülle an Erkenntnissen aus Labor- und Tierversuchen sowie zahlreicher Humanstudien ein so großes Potential für präventive Wirkungen von Mikronährstoffen, dass man unter Berücksichtigung der stetig steigenden Kosten im Gesundheitswesen und der stetigen Zunahme von Ausfallzeiten auf Grund physischer und psychischer Erkrankungen nicht länger warten kann, bis weitere Studien, die erst in Jahrzehnten abgeschlossen sind, dies untermauern. Unter der Prämisse, dass der gezielte Einsatz von Mikronährstoffen zur Prävention chronischer Erkrankungen selbst nur mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit effektiv ist, wäre es doch falsch, dieses Potential nicht auszunutzen und stattdessen auf Gewissheiten zu warten.

 

Zu bedenken gebe ich auch, dass die meisten chronischen Erkrankungen nicht heilbar sind, es sei denn, der Mensch stellt seinen bisherigen Lebenswandel komplett um, was schon für die meisten auf Grund ihrer Stellung und Verpflichtungen in Familie und Gesellschaft nicht möglich ist. Erst dann mit Vitamin- und Mikronährstoffsupplementierung zu beginnen, ist in meinen Augen falsch, denn das Hauptpotential liegt in der Verhinderung dieser Erkrankungen.

 

Ich bin deshalb ein großer Verfechter der Mikronährstoffsubstitution zusätzlich zu einer möglichst angepassten gesunden Ernährung, die ab und zu auch mal einen Ausrutscher erlaubt, einfach, um das Leben voll und ganz genießen zu können, ohne ständige Vorhaltungen, aber auch ohne große Reue oder gesundheitliche Sorgen.

 

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen eine gute Wahl und vor allem einen guten Berater für Ihre gesunde und energiespendende Ernährung!

 

Im Alter häufig eingesetzte Arzneimittel, die einen Mangel bzw. erhöhten Bedarf an Mikronährstoffen verursachen (Auswahl)

Arzneimittelgruppe

Antazida

 

 

Antidiabetika

 

Antiepileptika

 

Antirheumatika

 

Corticosteroide 

 

Diuretika

 

 

Lipidsenker

 

Psychopharmaka

Arzneistoff

Protonenpumpenhemmer

(z.B. Pantoprazol, Omeprazol)

 

Metformin 

 

Carbamazepin, Phenytoin

 

Methotrexat

 

Prednisolon, Dexamethason 

 

Thiazide (HCT), Schleifen-diuretika (Furosemid)

 

Statine (Simvastatin, Atorva-statin) 

 

Imipramin, Amitryptilin

Mikronährstoffe

Vit. B12, Folsäure, Vit. D, Magnesium

 

 

Folsäure, Vit.B12

 

Vit.D, Vit. K, Folsäure

 

Folsäure

 

Vit. D, Calcium, Vit. C

 

Magnesium, Kalium, Folsäure, Zink 

 

 

Coenzym Q10, Vit. D 

 

Riboflavin, Coenzym Q10