Der kleine Unterschied: Mann oder Frau ist größer als man denkt


Männer und Frauen werden bei geschlechtsneutralen Erkrankungen in der Medizin nahezu gleichbehandelt. Zwar lassen wir den chromosomalen Unterschied XX versus XY gelten und akzeptieren auch unterschiedliche Hormonprofile, aber das Krankheiten bei Männern und Frauen unterschiedlich verlaufen, kennen wir eher aus der deutschen Witzkultur „Männerschnupfen“, als aus akzeptierten unterschiedlichen Therapieoptionen oder Präventionsempfehlungen. Dabei unterscheiden sich Mann und Frau doch auch im täglichen Leben durch unterschiedliche psychosoziale Verhaltensmuster mit teilweise sehr geschlechtsspezifischen Reaktionen auf Einflüsse aus der Umwelt und dem Umfeld. 

 

Das biologische und soziale Geschlecht wird auch in der Zukunft eine unabhängige Einflussgröße bei der Entstehung und der Verlaufsbeurteilung von Erkrankungen darstellen. Inzwischen weiß man, dass es eine unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber Umweltfaktoren gibt. Auch die körperlichen und seelischen Reaktionsmuster auf Stress unterscheiden sich zwischen Mann und Frau. Andererseits resultieren aus mittel- bis langfristigen Anpassungsvorgängen Angleichungen von Risiken und Krankheitsmustern (Frauen arbeiten heute in klassischen Männerberufen oder umgekehrt oder trainieren in

„Männersportarten wie Fußball oder Gewichtheben).

Beispiel Rauchen und Alkoholkonsum:

Das im Vergleich höhere Krebsrisiko von Männern und deren kürzere Lebenserwartung werden unter anderem darauf

zurückgeführt. Bekanntlich haben Frauen in puncto Rauchen in den vergangenen Jahrzehnten aufgeholt. Frauen rauchen jedoch meist aus anderen Gründen als Männer, bevorzugt wegen Stress, psychischer Probleme oder zur Gewichtskontrolle. Frauen sind empfindlicher für die Schädigungen durch Nikotin und Rauchinhaltsstoffe, schwerere Verläufe chronisch obstruktiver Lungenerkrankungen (Raucherhusten) treten früher auf. Das Risiko für durch Rauchen entstehende Herzinfarkte ist um 25 Prozent höher als bei Männern. Ebenso ist ihr Risiko für Lungen- und Blasenkrebs durch Rauchen höher. Auch die Menopause tritt früher ein als bei Nichtraucherinnen. Es ist heute unumstritten: Rauchen ist für Frauen gefährlicher als für Männer. 

Die unterschiedliche Schmerzempfindlichkeit von Männern und Frauen hat etwas mit den Sexualhormonen zu tun.

Frauen sind in der Jugend häufiger von Autoimmunerkrankungen betroffen als Männer mit Ausnahme des Typ-1-Diabetes. Ab dem Erwachsenenalter sind Männer häufiger betroffen. Beim Asthma ist es umgekehrt. Bis zur Pubertät erkranken

mehr Jungs, danach sind es mehr Frauen. 

Weitere Beispiele: Die unterschiedliche Körperfettverteilung bei Männern und Frauen hat Einfluss auf die Entstehung von stoffwechselbedingten Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bis zur Menopause haben Frauen meist einen hormonellen

Schutz gegen Gefäßverkalkungen. Dieser Schutzfaktor hebt sich dann aber nach der Menopause rasch auf. Grund dafür dürfte auch die vor und nach der Menopause vorhandene unterschiedliche Fettverteilung sein. Junge Frauen haben meist mehr Speck an Hüfte, Brust, Gesäß oder Beinen sitzen, während sie später ähnlich dem männlichen Habitus überwiegend Bauchfett ansetzen. 

Männer haben mehr Parodontitis (Entzündungen der Mundschleimhaut), Frauen mehr Kiefergelenkserkrankungen. Frauen haben auch mehr Karies und verlieren ihre Zähne früher.

Auch in der Medizin haben Frauen und Männer dadurch unterschiedliche Vor- bzw. Nachteile: Bei Frauen werden Herzerkrankungen meist später diagnostiziert als bei Männern, umgekehrt denkt kaum ein Arzt an die Osteoporose bei alten Herren. Frauen werden im Durchschnitt älter als Männer, obwohl sie mehr unter Begleiterkrankungen leiden, wenn sie chronisch erkranken. Trotz des höheren  Alters haben Frauen in der Summe weniger gesunde Lebensjahre als die meist früher sterbenden Männer. Biologische Unterschiede sind für letzteres aber nur zu einem geringeren Teil verantwortlich. Männer haben im mittleren Lebensalter eine relativ hohe Sterblichkeit aufgrund von Risikoverhalten und Unfällen, die man bei Frauen nicht so sieht. Nur 1-2 Jahre der längeren Lebenszeit der Frauen sind biologisch bedingt. Vergleicht man Nonnen und Mönche, die unter einander ähnelnden Lebensbedingungen leben, so werden diese ähnlich alt und zeigen keine geschlechtsspezifische Altersdifferenz. 

So lassen Sie uns denn unser Geschlecht bewusst genießen, jeder das seine, mit seinen Vor- und Nachteilen, mit ein wenig Rücksicht auf das eigene Geschlecht und Akzeptanz des anderen. In der Medizin wird in der Zukunft ganz sicher mehr auf diese Spezifitäten eingegangen werden, da auch Therapien von Männern und Frauen oft unterschiedlich gut vertragen werden, aber mitunter auch unterschiedlich gut wirken. Bisher gibt es bis auf Hormontherapien keine unterschiedlichen Dosierungen von Arzneimitteln zwischen Männern und Frauen, obgleich Frauen meist eine völlig andere Fett- und Muskelmasse haben als gleichschwere männliche Personen.