Maskenpflicht in Schwerin – eine Farce oder eine Solidaritätsbekundung für andere Bundesländer?

Corona Newsletter vom 02.05.2020

Eigentlich mische ich mich nicht in politische Fragen ein, aber ich liebe meine Heimat, ich liebe die Menschen hier und ich weiß, ich bin als Hausärztin eine wichtige Bezugsperson für viele Menschen, die sich mit all ihren vielfältigen gesundheitlichen Problemen seit Jahren vertrauensvoll an mich wenden.

Momentan werden die Menschen in dieser Stadt zu etwas gezwungen, für das es meines Erachtens keinen fassbaren Grund gibt. Wenn ich als ein medizinisch gebildeter Mensch diese Situation schon nicht verstehe, dann kann man das von den meisten anderen Bevölkerungsgruppen wahrscheinlich noch viel weniger verlangen.

 

Fangen wir mit den Fakten an: die aktuellen öffentlichen Zahlen der Covid-19 Fälle in Schwerin betragen am heutigen Tag 3 noch als erkrankt geltende Personen bei über den gesamten Zeitraum 90 nachgewiesenen Infektionen von denen 87 genesen sind. Kein Schweriner ist an dieser Erkrankung verstorben.

Dazu haben wir inzwischen genügend ungenutzte Testkapazitäten. Ich - und ich denke, die meisten meiner hausärztlichen Kollegen handeln ebenso, nehme bei jedem Patienten, der sich mit möglichen Symptomen vorstellt oder der mit der Sorge kommt, er könne an Corona erkrankt sein einen Rachenabstrich. In dieser Woche stellten sich diesbezüglich insgesamt 3 Patienten in der Praxis vor, alle hatten ein negatives Testergebnis. Die „Frühjahrsinfekte“, die wir sonst um diese Zeit sehen, sind als Nebeneffekt der Isolationsmaßnahmen ebenso geschrumpft.

 

Welchen Grund gibt es derzeit, dass Menschen sich beim Betreten eines Geschäftes oder beim Betreten von Bus und Bahn eine Maske über Mund und Nase ziehen sollen? In Schwerin? Selbst wenn es eine Dunkelziffer nicht entdeckter Fälle gibt, so bin ich überzeugt, dass es im Moment äußerst unwahrscheinlich ist, hier einen Menschen zu treffen, der infektiös bezüglich Covid-19 ist. Und selbst wenn es diese Menschen gibt. Sie bleiben bei Symptomen konsequent zu Hause, weil es so vorgegeben ist und lassen sich untersuchen, werden also rasch als mögliche Infektionsquellen entdeckt.

Die Coronaviren werden uns die nächsten Monate begleiten. Wahrscheinlich wird es auch wieder Zeiten geben, in denen mehr Infektionen auftreten als in diesen Wochen. Die Bereitschaft der Bevölkerung sich in Krisenzeiten an sehr strenge Regeln zu halten ist da, aber jetzt gezwungen zu werden, sich beim Betreten einer Bank eine Maske übers Gesicht zu ziehen, dass grenzt für mich an Irrsinn und ungerechtfertigten Aktionismus. Und ganz ehrlich, was erreichen wir dadurch? Ich merke, dass die Menschen sich immer mehr streiten und diese Streitgespräche sind zerstörerisch für unsere Gesellschaft. Das fängt bei der Profilierung der Politiker in Talkshows an, wo der arme Zuhörer am Ende entweder ängstlich und verwirrt ist oder neue Argumente für seine persönlichen Streitgespräche gesammelt hat und das geht in unserem Alltagsleben weiter, wenn man beschimpft wird, weil man aus Versehen jemanden mit seinem Einkaufskorb berührt.

Als weiteren riesigen Kritikpunkt sehe ich, dass den Menschen eine Maskenpflicht auferlegt wird, die verständlicherweise bei fehlender Notwendigkeit nur notgedrungen und damit völlig schutzunfähig angewandt wird.

Viele Menschen tragen ihre Masken unterhalb der Nase – völlig umsonst.

Die anderen zerren sie beim Betreten des Geschäftes über Mund und Nase und unmittelbar danach wieder in die Region knapp unterhalb des Kinnes, um sie im nächsten Geschäft wieder hochzuziehen – gefährliches Fehlverhalten – zurzeit nicht, da keine Infektionsgefahr besteht. Aber wäre sie da, würden sich vielleicht sogar mehr Menschen durch die Masken infizieren als ohne. Wir berühren diese Masken immerzu mit ungereinigten Händen. Wenn diese Masken etwas feucht sind und an der äußeren oder auch an der inneren Oberfläche mit Viren behaftet sind, dann fühlen diese sich in dem durch den Atem schnell feuchtwerdenden Milieu sehr wohl und überleben dort und verteilen sich durch das ständige Zusammenknittern der Masken schnell auf beide Seiten, innen und außen. Auch wenn wir die Masken im Auto abnehmen, weil es polizeilich verboten ist mit Maske Auto zu fahren und diese dann beim nächsten Halt wieder benutzen, schädigt sie uns schon mehr falls wir Kontakt zu einem Coronainfizierten gehabt haben, als würden wir es strikt vermeiden, uns ins Gesicht zu fassen und lieber ausreichenden Abstand halten.

Wenn eine Maskenpflicht also wirklich in Zukunft einmal medizinisch begründet indiziert wäre, dann sollten wir den Menschen den richtigen Umgang bewusst machen, bevor wir ihnen Zwänge auferlegen.

Fassen wir nochmal zusammen:

-          Masken sind derzeit in Schwerin auf Grund der wirklich äußerst geringen Fallzahl medizinisch nicht indiziert.

-          Menschen sehen das und werden trotzdem dazu gezwungen, obgleich wir ihre Mitarbeit in schwierigeren Zeiten brauchen, sie dann aber wahrscheinlich weniger Einsicht haben

-          Die Art und Weise, wie die meisten Menschen die Mund- und Nasenmasken benutzen, ist eher gefährlich für ihre Gesundheit als nutzbringend

-          Gründlicher und mit mehr Gemeinschaftssinn und Hilfsbereitschaft handeln die Menschen, die aus innerer Überzeugung und Freiwilligkeit ihre Masken richtig benutzen. Wer meint, er möchte aus Respekt vor anderen zu deren Schutz eine Maske tragen, der darf das uneingeschränkt und natürlich auch zu seinem eigenen Schutz tun.

Bei steigenden Zahlen müssen wir zum Schutz der Gesamtbevölkerung eventuell für einen Ausbau der Schutzmaßnahmen eintreten, aber jetzt wären wahrscheinlich Screeningprogramme zur Sicherung des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens der bessere Weg.

Unvorstellbar, wie gefasst die meisten Menschen, die in Pflegeheimen wohnen, die kompletten Besuchsverbote tolerieren. Ganz ehrlich, diese Menschen sind alt und haben zahlreiche Erkrankungen, die die meisten fürchten lassen, dass ihnen vielleicht nicht viel länger als 1 oder 2 Lebensjahre bleiben. Sie müssen derzeit Kontaktbeschränkungen befürchten, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht, also vielleicht 1-3 Jahre. Das bedeutet, dass viele ihre Kinder wahrscheinlich nie wieder in die Arme nehmen können, nie wieder! Wenn ich mir vorstelle, ich hätte eine Erkrankung mit einer Lebenserwartung von 1-3 Jahren und man würde mir sagen, ich dürfte aber meine Kinder oder meinen Partner oder auch meine engsten Freunde nicht mehr persönlich sehen und berühren, wäre dann nicht der Sinn meines Lebens, die Familie, schon jetzt zu Ende? Ich würde es nicht ertragen und ich glaube, die Menschen im Heim machen das nur so großartig, weil sie a) keine andere Chance haben, da niemand für sie kämpft und b) weil so viel Angst geschürt wurde, dass niemand der Auslöser der Katastrophe in einem Heim sein will und c) weil sie schon viel schlimmere Zeiten überlebt haben, in denen sie schon viel mehr leiden mussten.

Wäre es nicht bedeutend sinnvoller und menschlicher, jedem Heimbewohner 2 oder 3 Bezugspersonen zu gestatten, die regelmäßig kommen dürfen, wenn sie symptomfrei sind. Diese Personen können zur zusätzlichen Sicherheit gescreent werden oder zumindest bei den kleinsten Infektzeichen abgestrichen werden. Außerdem können sie während ihrer Besuche eine Maske, Handschuhe und ggf. noch einen Schutzkittel tragen. Das wäre Menschlichkeit, Mitgefühl und ich denke, unsere Kapazitäten reichen in der Zwischenzeit dazu aus.

 

Liebe Leser, ich habe nicht viel zu sagen, aber ich sehe die Gefahr der zunehmenden Intoleranz gegenüber den Beschlüssen unserer Regierung, wenn diese überzogen und undifferenziert auf Gesamtdeutschland gestülpt werden. Geben Sie den Menschen in den Städten, die derzeit nahezu Corona frei sind eine Chance, eigenständig für sich und ihre Mitmenschen zu sorgen. Ich bin überzeugt, wir dürfen diesen Versuch wagen, ohne leichtsinnig genannt zu werden.

 

 

Dr. Kathrin Prax