Warum macht Stress Lust auf Fett und Süßes


Stress sorgt in vielen von uns für Hunger nach Energie und Belohnung. Er nimmt Einfluss auf Appetit und Hunger – individuell mit ganz unterschiedlichen Konsequenzen. Während die einen kaum einen Bissen herunterbekommen, werden die meisten gerade bei länger andauernden Stressphasen von Heißhunger nach süßen und fettreichen Lebensmitteln überrollt. Ein Großteil von uns vergisst im Alltagsstress auch das Essen und holt dies dann am Abend in ausufernden Maßen ohne wirkliches Sättigungsgefühl nach.

Am häufigsten allerdings ist unter Stress das Essmuster „Heißhunger auf Süßes und Fettreiches“ zu finden. Das ist kein Zufall, sondern ein biologisches Erfolgsprogramm, das mit der energieaufwendigen Jagd zum Nahrungserwerb und mit der Gehirnentwicklung im Laufe der menschlichen Evolution in Zusammenhang steht. Das menschliche Gehirn wurde in seiner Entwicklung größer, die Vernetzungen innerhalb des Gehirns und des gesamten Nervensystems nahmen enorm zu und dadurch bedingt stieg die Stoffwechselaktivität, was wiederum zu einem höheren Kalorien- und Nährstoffbedarf des menschlichen Gehirns führte. 

 

Wer viel denkt und rennt, der braucht viel und oft auch schelle Energie.  Es gibt 2 Nährstoffgruppen, die dies liefern können: Kohlenhydrate (also vor allem Zucker) für schnelle Energie und Fette für viel Energie (ca. doppelt so viel, wie aus der gleichen Menge von Kohlenhydraten oder Eiweißen entstehen kann).

Wer früher gut darin war, Zuckerquellen wie Honig zu finden oder Fettquellen wie Samen, Nüsse oder fettreiche tierische Quellen und diese auch effektiv aufnehmen konnte, der hatte einen enormen Überlebensvorteil. Aus diesem Grund hat sich in der menschlichen Entwicklung ein Verlangen nach süßen und fettreichen Nahrungsquellen verfestigt.  Wir sind also von Natur aus so veranlagt und es existiert in uns ein seit 2 Millionen Jahren erfolgreiches Bioprogramm, welches auch noch heute immer die notwendige Energie für das Gehirn garantiert. Früher waren die Zuckerquellen eher spärlich. Beeren, Früchte und Honig gab es nur saisonal und längst nicht in den Massen, wie wir heute zuckerhaltige Lebensmittel konsumieren. Heute können wir Tag und Nacht auf Zuckerquellen zugreifen. Ähnlich ist die Lage beim Fett. Wildtiere sind wesentlich fettärmer als Zuchttiere und Sahnetorten waren in der Savanne unbekannt.

Weil Zucker und Fett früher relativ selten waren, haben wir keine Stopp-Signale entwickelt, die die Aufnahme begrenzen. Dies wäre sicher für unseren heutigen Lebensstil von Vorteil, aber im Gegenteil, unser Bioprogramm hat sich diesbezüglich noch nicht angepasst und belohnt die Aufnahme von Zucker und Fett mit Wohlbefinden, Trost und Glücksgefühlen.

Bei Stress ist diese Mischung besonders problematisch. Mehr als die Hälfte der westlichen Bevölkerung lebt mehr oder weniger im Dauerstress. Stress erhöht den Energie- und Belohnungsbedarf und so entsteht er, der Heißhunger auf „Ungesundes“ in Stressphasen. Eine typische Handlungsweise, die ebenfalls aus diesem System entspringt, ist der Griff nach vielen kleinen Snacks zur Aufmunterung. Wobei wir dies auch noch damit begründen, dass dies einen Vorteil gegenüber „aufwendigem Kochen“ bei Zeitmangel und natürlich auch schnell verwertbare Energie bietet.

Das biologische Verlangen ist also hoch, vor allem bei Stress. Das schlechte Gewissen und die Angst vor Übergewicht und daraus resultierenden Erkrankungen bieten dagegen keinen ausreichenden Schutz, sondern erreichen häufig nur eine Verstärkung der Stressreaktion.

 

Alt bekannt und sehr beliebt ist das Argument, dass unser Gehirn auf Zucker als Hauptenergielieferant angewiesen ist. Es gibt aber ganz gegenteilige Beobachtungen dazu:

  • in Fastenzeiten und bei extrem zuckerarmen Ernährungsformen (z.B. ketogener Ernährung) hat das Gehirn nicht nur ausreichend Energie, sondern meist auch ein sogenanntes Hirn-Hoch mit einer exzellenten geistigen Wachheit und Glückshormonen.
  • Dauerhaft hohe Blutzuckerspiegel bei Diabetikern verringern die Gedächtnisleistung
  • auch bei Gesunden können schon geringe Blutzuckerschwankungen und langfristig erhöhte Blutzuckerwerte (gemessen über den HbA1c-Wert) zu einem schlechteren Gedächtnis und Lernvermögen und zu einem verringerten Hirnvolumen sowie zu Entzündungsreaktionen im Gedächtniszentrum des Gehirns führen!

Diese Fakten sind sehr beeindruckend oder?

Hinzu kommt, dass durch den schnellen Blutzuckeranstieg durch zucker- bzw. kohlenhydratreiche Snacks viel Insulin ausgeschüttet wird. Der Blutzucker fällt dadurch schnell wieder ab und es kommt zu einer relativen Unterzuckerung, die in unserem Körper mit Heißhungerattacken und Stimmungslöchern beantwortet wird. Folge daraus: der Teufelskreis beginnt von Neuem!

 

Zusammenfassend kann man also sagen: Es geht nicht nur ohne Zucker fürs Gehirn, sondern es unterstützt sogar die Gehirnfunktionen, wenn man zuckerreduziert ist. Je ausgeglichener die Blutzuckerkurve, desto ausgeglichener sind auch Stimmung und Hungergefühl und desto weniger fühlen wir uns durch diese Dinge gestresst.